Tropfsteinhöhle bei Urach

Von Julius Wais, Stuttgart


Nicht weit von Urach befindet sich eine noch wenig bekannte Tropfsteinhöhle, die sich ducrch die Schönheit und Mannigfaltigkeit ihrer Gebilde in hervorragendem Maße auszeichnet. Die Höhle liegt in den Tuffschichten des romantischen Seeburgerthals, ist etwa 25 m lang, 5-6 m breit und ebenso hoch. Besonderen Reiz gewährt ein kristallklarer Bach, der aus einem 4 m hohen Kessel emporquillt,k sich wirbelnd durch die Höhle drängt und auch bei Hochwasser der nahen Erms nie getrübt wird, mit dieser also in keinem Zusammenhang steht. Die Tropfsteingebilde bestehen aus reichgeformten Stalaktiten, welche vielgestaltig Decke und Wände schmücken und der Phantasie Stoff zu allerlei Deutungen geben. Gar täuschend zeigt sich eine gotische Kirchturmspitze, feingegliedert und zart durchbrochen; man könnte glauben, das Spiegelbild der Stuttgarter Johanneskirche im Feuersee zu sehen. Belebt ist diese Zauberhalle von einem allerliebsten Wickelkind, einem Zwerg, früher wohl auch von einem Ritter, der seinen Panzer zurückgelassen. Träumerisch sitzt eine Eule auf einem Ast, während drüben zwei Elefanten neugierig ihren Rüssel hereinstrecken, vielleicht um an den Kartoffeln, Kürbissen, Gurken, dem Blumenkohl oder den zarten Wurzelfasern zu schnuppern. Merkwürdig sind zwei "versteinerte" Baumstämme, wovon bei enem noch die Jahresringe deutlich erkennbar sind. Am eigenartigsten und auffallendsten sind aber die dreieckigen kristallinischen Gebilde von vollendeter Rege, wie sie in keiner anderen Höhle vorkommen. Ein Hauptvorzug besteht sodann darin, daß diese Höhle noch nicht von rohen Besuchern ihres Schmuckes beraubt wurde, was leider bei den meisten Albhöhlen der Fall ist. Die guterhaltenen Tropfsteinbildungen sind meist braun, zum Teil auch schneeweiß und erklingen beim Anschlagen in schönen Akkorden. Entdeckt wurde die Höhle beim Brechen von Tuffsteinen, ganz wie die Olgahöhle in Honau, mit der sie manche Ähnlichkeit hat. Durch angebrachte Brücken und Geländer ist sie völlig trocken und gefahrlos zu begehen. Eintritt 30 Pfg., Vereine 20 Pfg.

Der weg zur Höhle ist leicht zu finden. Man geht von Urach entweder auf der Seeburger Straße bis zur Kunstmühle (gegenüber wohnt der Besitzer), zwischen dieser hindurch und am Waldrand wenige Schritte thalauf, oder oberhalb des Bahnhofs den sog. grünen Weg bis zum Steinbruch, etwa 25 Minuten. Mit der Besichtigung der Höhle lässt sich bequem ein Besuch der Ruine Hohenwittlingen verbinden, indem man den grünen Weg weiter verfolgt bis zum ehemaligen Basaltwerk Georgenau, dort in Windungen zur Ruine aufsteigt und den Abstieg auf der anderen Seite über die Schillerhöhle nimmt, an der freilich gleich der Falkensteiner Höhle der Eingang das Schönste ist. Gesamtmarsch 2 1/4 Stunden.